Ich, Michael Bernd Druß, bin Osteopath in Berlin-Kreuzberg und möchte Ihnen als Erstes einen Überblick über Anwendungsbereiche und Philosophie von Osteopathie geben:
Für mich ist Osteopathie eine Möglichkeit, unsere körpereigenen Selbstheilungspotenziale zu aktivieren, bzw. präventiv dafür zu sorgen, das Fehlfunktionen (z.B. in der Statik) ihre schädigende Wirkung auf bisher gesunde Strukturen nicht entfalten können.
Grundlegend für diese Arbeit sind neben der Anamnese und der körperlichen Untersuchung, die wiederum erst die Diagnosestellung ermöglichen, vor allem drei wesentliche Grundannahmen über die ineinander verschränkten anatomischen Strukturen und ihren physiologischen (normalen; gesunden) Arbeitsweisen
Eine bestimmte Struktur (Form) (z.B. ein Rad) legt eine bestimmte Funktion (das Rollen) nahe, für die sie auf lange Zeit zu gebrauchen ist. Ändert sich aber die Art des Gebrauchs (Entstehung einer Dysfunktion), so ändert sich auch auf Dauer die ursprüngliche Struktur, etwa wenn man im Beispiel Rad versucht, darauf zu reiten.
Damit ist die Tatsache ausgedrückt, dass gute Durchblutung egal welchen Gewebes einen guten Stoffwechsel und damit bestmögliches Funktionieren gewährleistet (bei intakter Struktur).
Somit ist unser Blut verkürzt gesagt, der wesentliche Träger unserer Selbstheilungskräfte und eine selbst induzierte Durchblutungssteigerung, z.B. durch Sport für die Muskeln und Gelenke oder durch eine gute Mahlzeit für die Verdauungsorgane, eine diesbezüglich sicher segensreiche Aktivität.
In einer osteopathischen Behandlung wird dieser Effekt durch manuelle Techniken erzielt, die reflektorische Zusammenhänge im Körper nutzen und häufig auf bindegewebige u. neuro-logische Strukturen und den darin enthaltenen od. damit zu beeinflussende Blutbahnen zielen.
Alle Flüssigkeiten im Körper müssen strömen und Stau ist die Grundlage von Krankheit.
Die ersten Einzeller im Urmeer lebten insofern im Paradies, als sie sich fortwährend direkt aus ihrer unmittelbaren Umgebung ernähren konnten und ohne diese Ernährung wesentlich zu gefährden (angesichts der Relation Urmeer u. Einzeller), die nicht benötigten Reste auch wieder dahin zurückgeben konnten. Die Entwicklung mehrzelliger komplexerer Lebens-formen machte auch eine Entwicklung von Ver- und Entsorgungswegen nötig, aber immer noch schwimmt jede einzelne Zelle in einem Außen, dass dem des Urmeeres entspricht (Extrazellulärflüssigkeit) (Silbernagel; Despopoulos, 1990, S.1ff). Mit der Vorstellung einer Qualitätsminderung dieser zellumgebenden Flüssigkeit kann eine Krankheitsursache bildlich verständlich gemacht werden.
Dies weist auf den Umstand hin, das bei analytischer Herangehensweise schnell der Blick für das Ganze verloren gehen kann und damit nur an einzelnen Symptomatiken herumgedoktert wird, während der eigentliche Zusammenhang schnell unerkannt bleibt (zumal er häufig auch schwer erkennbar ist). Daher bedient man sich in der Osteopathie der Vorstellung von so genannten Ursache-Folgeketten (UFK), die die einzelnen körperlichen Teile [Knochen; Gelenke; Kapseln u. Bänder; Muskeln; Arterien; Venen; Lymphbahnen; Nerven (Zentral; peripher u. neurovegetativ); Organe; Fascien] miteinander verknüpfen um eben auch die Ursache von der Folgesymptomatik unterscheiden zu können. Somit wird einsehbarer, dass lokale Änderungen, beispielsweise ein Umknicken des Fußes (Inversionstrauma) mit der Zeit Folgen für benachbarte Gelenke hoch hinauf bis ins Becken und noch weiter haben kann. Die eigentliche Ursache ist vielleicht vergessen, weil schon Jahre her und die aktuellen Beschwerden in einer anderen Körperregion erinnern in keiner Weise daran. Jedoch analog zu einem Mobile` hat sich das gesamte Gefüge verändert und zeigt sich nun an anderer Stelle überlastet.
Ein Osteopath behandelt insoweit ganzheitlich, als er im Abbau einzelner UFK gezielt auf alle darin enthaltenen Körperstrukturen einwirkt, um mechanischen; vaskulären; neurologischen oder metabolischen Stress von der Beschwerdestruktur abzuwenden.
Es existiert auch noch eine vierte Grundannahme die im Studium der Osteopathie eher eine beiläufige Erwähnung fand, nämlich die der "Vitalität".
Diese Grundannahme besagt, das unser Körper die Fähigkeit zur Autokorrektur hat und treffsicherer als jeder Arzt oder Osteopath in der Lage ist, sich selbst zu heilen. Die verschiedenen Dienstleister können hier günstigstenfalls unterstützend tätig sein, wenn dieser Prozess irgendwo unterbrochen scheint. Vitalität ist die Annahme des „etwas mehr“ sein, als die Summe seiner Einzelteile. Träger dieser Fähigkeit zur Autokorrektur sind die bindegewebigen Körperfascien, die wiederum Blut-; Lymph-; und Nervenbahnen enthalten.
Der Körper versucht 24 Std. täglich mit geringst möglichem Energieeinsatz optimal zu funktionieren. Der Erhaltung der Gebrauchsfähigkeit stehen verschiedene Möglichkeiten zur Anpassung (Adaptation) an veränderte Gebrauchsbedingungen oder Umweltbedingungen zur Verfügung, bis hin zu einer massiven Kompensation (z.B. statisch- mechanisch bei einer Fehlstellung im Becken, die über die verschiedenen Wirbelsäulenabschnitte möglicherweise eine veränderte Stellung der oberen Kopfgelenke erzwingt). Dem folgend ergibt die Dekompensation dann Symptome (hier vielleicht Kiefergelenkprobleme oder auch Kopfschmerzen).
Da aber auch Durchblutung neurovegetativ sympathisch gesteuert wird und diese Steuerungszentralen im Gehirn aber auch in der Wirbelsäule lokalisiert sind, zeigt sich wie schnell statisch-mechanische Fehlstellungen auch auf die Hämodynamik wirken können. Umgekehrt können z.B. Organsenkungen zu veränderten Durchblutungsverhältnissen in Bauchraum führen und damit reflektorisch wieder zu Beschwerden in der Wirbelsäule.